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Herbstsemester 2021: Dr. Melanie Würth

Über Melanie Würth

Dr. Melanie Würth ist Lehrbeauftragte für spanische Sprachwissenschaft an der Universität Bern (HS21) und an der Universität Basel (FS22). Sie hat in Basel und Buenos Aires Iberoromanistik und Geografie studiert. Mit einem Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds war sie von 2010 bis 2016 wissenschaftliche Assistentin am Institut für spanische Sprache und Literaturen der Universität Bern und hat dort mit der Arbeit El otro (y) yo. Percepción, representación y construcción de espacio en el español de la ciudad de Buenos Aires promoviert. Von 2015 bis 2021 hat sie in Buenos Aires, Argentinien, gelebt und sich über das Goethe Institut als Lehrkraft für Deutsch als Fremdsprache weitergebildet.
Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Soziolinguistik, die perzeptive Linguistik, die Stadt als Sprachraum, die Konstruktion von Räumen und Grenzen durch Sprache und das Spanische in Argentinien, insbesondere im La Plata-Raum. Besonders interessiert sie sich für die interdisziplinäre Forschung, vor allem für die theoretischen und methodologischen Schnittpunkte zwischen Sprachwissenschaft, Soziologie und Sozialgeografie.

Vorlesung: El español rioplatense

Der La Plata-Raum (mit den urbanen Zentren Montevideo und Buenos Aires) kann als kultureller Raum auf verschiedenen Ebenen betrachtet werden: als geographischer Raum mit dem Río de la Plata als namensgebendem Element sowie physischer Landesgrenze; aus historischer Sicht als Teil des zur späten Kolonialzeit gegründeten Virreinato del Río de la Plata; aus soziodemographischer Perspektive mit dem Fokus auf der Immigrationswelle aus Europa Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, welche insbesondere die Städte Buenos Aires und Montevideo, deren Kultur und deren Sprache einschneidend geprägt hat; und schliesslich auf sprachwissenschaftlicher Ebene, da die auf beiden Seiten des Flusses gesprochenen Varietäten eine Vielzahl gemeinsamer Merkmale aufweisen, die sie im spanischsprachigen Raum einzigartig machen.

Diese Vielschichtigkeit begleitete uns während der gesamten Vorlesung. So ging es in einem ersten Teil um die Geschichte und die Entwicklung des Spanischen am Río de la Plata vom Mittelalter über die Kolonialzeit bis zur Unabhängigkeit, wobei insbesondere untersucht wurde, wie sich die politische Loslösung von Spanien in der Sprachpolitik widerspiegelte und zum Erhalt von sprachlichen Merkmalen führte, die die Río de la Plata-Varietät heute noch auszeichnen.
Ein zweiter thematischer Schwerpunkt war die Einwanderungswelle aus Europa nach Argentinien und Uruguay Ende des im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, welche ein enormes Bevölkerungswachstum zur Folge hatte, die Städte Buenos Aires und Montevideo konsolidierte und nicht nur deren soziale und demographische Struktur, sondern auch die Sprache grundlegend beeinflusste. Hier beschäftigten wir uns mit Kontaktphänomenen wie dem Cocoliche und speziell mit dem Lunfardo, einem Argot, das in den Vorstädten von Buenos Aires aufgekommen ist, insbesondere durch die Tangolyrik gesellschaftliche Verbreitung fand und heute als identitätsstiftendes Element für die Sprecher:innen der Río de la Plata-Varietät angesehen werden kann.
Nach der dialektologischen Betrachtung der wichtigsten sprachlichen Merkmale der Varietät auf phonetischer, morphologischer und lexikalischer Ebene wurde abschliessend die soziale Variation dieser Merkmale betrachtet. Dabei haben wir uns auf den urbanen Raum von Buenos Aires konzentriert und gesehen, wie durch den Sprachgebrauch räumliche Identitäten konstruiert und Grenzen gesetzt werden, welche Indexikalitäten einzelne sprachliche Merkmale erzeugen können und wie diese Bedeutungen im Kontext von Globalisierung, Lokalität, Migration, sozialen Ungleichheiten und gesellschaftlichen Bewegungen in einer lateinamerikanischen Grossstadt wie Buenos Aires ständig angepasst, verändert und ausgehandelt werden.

Dr. Melanie Würth

Kontakt: melanie.wuerth[at]unibe.ch