Doktorat

Dr. Matthias Hirt, Universität Bern

Interview mit Dr. Matthias Hirt, Universität Bern

Wer nach dem Studium eine akademische Karriere verfolgen möchte, setzt mit einem Doktoratsstudium seine Ausbildung fort. Dr. Matthias Hirt, Leiter der Koordinationsstelle für Nachwuchsförderung an der Universität Bern, gibt Einblick in Voraussetzungen, Möglichkeiten, finanzielle Fragen sowie Fallstricke des Doktorats.

An einer Universität (auch an der Universität Bern) unterscheidet man zwischen zwei Möglichkeiten:
1) Im freien Doktorat ist man nur beschränkt in die universitären Strukturen eingebunden. Man ist zwar an der Uni immatrikuliert und macht bei einer Professorin oder einem Professor das Doktorat, darüber hinaus hat man jedoch wenig, häufig auch keine finanzielle Unterstützung. Es kann sein, dass der oder die DoktorandIn ausserhalb der Uni Geld verdient und einmal im Jahr an einem Kolloquium teilnimmt. Wenn man eine akademische Karriere in Erwägung zieht, ist dies nicht der ideale Weg. Für die Entscheidung für ein freies Doktorat spricht die grosse Selbständigkeit, man hat viele Gestaltungsmöglichkeiten, häufig auch die Freiheit in der Themenwahl.
2) Man ist Teil eines strukturierten Doktoratsprogramms oder einer Graduiertenschule. Beide bieten generell eine bessere Betreuung, da man neben Verpflichtungen (z.B. Präsentationen der Forschungsarbeit) besser in den Austausch mit anderen Leuten eingebunden ist und die Gelegenheit hat, sich ein gutes Netzwerk aufzubauen.

Ein Doktorat braucht einen langen Atem und eine Begeisterung für die wissenschaftliche Arbeit. Es muss auch eine gewisse Leidensfähigkeit mitgebracht werden. Wenn man bei der Masterarbeit schon das Gefühl hatte, latent überfordert gewesen zu sein, weil es einem nicht gelungen ist, die Arbeit sinnvoll zu strukturieren und sich selbst Milestones zu setzen, oder wenn man am Schluss einfach alles heruntergeschrieben hat ohne Anspruch, die Bestnote zu erhalten, dann wären das nicht die richtigen Voraussetzungen für ein Doktorat.
Die Qualifikationen für ein Doktorat müssen ausgezeichnet sein. Eine 5 im Master berechtigt zwar zu einem Doktorat, aber ein Summa (Note 6) oder ein Insigni (5–6) sind im Grunde nötig. Von Bedeutung ist aber auch die Einschätzung der Betreuungsperson der Masterarbeit, ob jemand geeignet für ein Doktorat ist, den die Vergabe der Noten ist nicht einheitlich.
Über einen sehr guten MA-Abschluss hinaus muss man in der Lage sein, sich über ca. vier Jahre hinweg selbst die Arbeit einzuteilen und dafür zu sorgen, dass man die nötige Zeit hat. Man kann nicht die meiste Zeit anderweitig arbeiten und das Doktorat faktisch in der "Freizeit" machen – obwohl es in der gesamten Karriereplanung wiederum sinnvoll ist, wenn man neben dem Doktorat einen qualifizierenden Erwerb hat, der einem den Zugang zum Arbeitsmarkt bahnt.

Man sollte sich nicht als ForschungsassistentIn verstehen, der oder die bei einem Projekt nur mitmacht, sondern es ist wichtig, die Forschungsarbeit und –ziele selber zu prägen. Wenn man sich später auf ein Postdoc-Stipendium bewirbt, ist wichtig, dass man zeigen kann, weshalb man genau an diesem Thema interessiert ist und ein Doktorat gemacht hat. Es ist hilfreich, einen roten Faden in der eigenen Forschungskarriere zu haben. Sich während des Doktorats ein gutes Netzwerk aufzubauen, ist zentral: dazu gehören Auslandaufenthalte und die Organisation von Tagungen. Egal ob man an der Uni bleiben will oder ob man später die Uni verlässt, ist es der falsche Ansatz, wenn man meint, man könne vier Jahre im eigenen stillen Kämmerchen arbeiten.

Wer schnell eine Doktoratsarbeit machen möchte, bewirbt sich am besten beim Nationalfonds (SNF) für ein Doc.CH-grant (Stipendium). Das Fördergefäss Doc.CH steht nur den Geistes- und Sozialwissenschaften offen, antragsberechtigt sind Personen, die an einer Schweizer Universität (und ETH) als DoktorandIn eingeschrieben sind. Die Vergabe der Beiträge ist sehr kompetitiv. Wer ein Doc.CH-Stipendium hat, ist in der Lage, den grössten Teil seiner Arbeitszeit für die Forschungsarbeit einzusetzen Der Vorteil ist, dass man selbst InhaberIn des Grants ist und dadurch grössere Unabhängigkeit hat.
Eine Anstellung in einem Forschungsprojekt (des SNF) ist eine andere gute Möglichkeit. Eine Projektanstellung läuft in der Regel über einen Professor oder eine Professorin der Universität, an der man immatrikuliert ist.
Des Weiteren gibt es einige wenige Stiftungen, die ein volles Doktorat finanzieren und unterstützen.
Eine Assistenz, die über Staatsmittel finanziert ist, bringt häufig den Nachteil mit sich, dass man weniger Zeit für die eigene Forschung hat und mehr in Lehre, Administration und Prüfungsverwaltung investiert.
Grundsätzlich gilt für spätere Forschungseingaben beim Nationalfonds das akademische Alter, das heisst, man schaut nicht auf den Jahrgang, sondern darauf, wie lange jemand an der Dissertation war und wann sie abgeschlossen wurde. Wenn man nicht massgeblich mobil war – eine Zeit an der University of Harvard wertet eine Verlängerung durchaus auf -, kann eine lange Doktoratszeit ein Nachteil sein.

L Doc.CH

Eine gute Betreuung für sich zu finden, ist sehr zentral. Ein Weg ist folgender: Man hat eine eigene Forschungsidee, die sich zum Beispiel aus dem Master ergibt, und man schickt eine Skizze dem/r ProfessorIn, der/die dazu passen könnte. In den Geisteswissenschaften ist es ein Problem, dass zwischen dem Zeitpunkt der Entscheidung für das Doktorat und demjenigen, bei dem die Finanzierung geklärt ist, meistens ein Jahr vergeht. Nur wenn der/die ProfessorIn sich selber um Förderung bemüht und eine Stelle auf das Projekt ausschreibt, kann man gleich starten. Aber in den meisten Fällen läuft es in den Geistes- und Sozialwissenschaften so, dass man sich zuerst an der Uni immatrikuliert und dann die Unterstützung sucht, sei das mit dem/der ProfessorIn zusammen über Projektförderung, mit einem individuellen Doc.CH-Antrag oder mit einer anderen Finanzierungsmöglichkeit. Das Problem dabei ist, dass die Immatrikulationszeit zählt. Es gibt das sogenannte „Seed-Money“: Einige Unis, z.B. die Uni Bern oder die Uni Basel, unterstützen die Vorbereitung des Antrags finanziell. Es ist daher ideal, wenn man schon während des Masterstudiums die richtigen Kontakte knüpft und sich bereits Gedanken und erste Schritte für die Sicherstellung der Finanzierung macht. Bei Doc.CH darf man schon am Ende des Masters eine Eingabe machen. Bei vielen kommt die Anregung von der Person, welche die Masterarbeit betreut hat, und anfragt, ob man sich schon mal überlegt hat, ein Doktorat zu machen.
Das Modell eines einzelnen „Doktorvaters“, resp. einer "Mutter", ist ein Auslaufmodell. Dagegen spricht, dass man einerseits abhängig vom Wink einer einzelnen Person ist, und andererseits eine einzelne Person nie in der Lage ist, einem den Horizont so zu erweitern, wie das mehrere Leute können. Das ist der Vorteil der Graduiertenschule oder von strukturierten Doktoratsprogrammen. Dort hat man mindestens einen Korreferenten, eine Korreferentin, der/die während der ganzen Zeit involviert ist.

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An der Universität Bern wie an anderen Unis auch gibt es Mentoring-Programme. Mentoring heisst, dass „Peers“, Leute mit Erfahrung, für Gespräche zur Verfügung stehen. Teilweise gibt es auch Kurse, bei denen man sich mit anderen austauscht, oder es gibt Einzelberatungen, die man in Anspruch nehmen kann.
Falls man im freien Doktorat ist und nicht so viel Unterstützung hat, dann muss man schauen, dass man an den Kolloquien bzw. Forschungsseminaren teilnimmt. Es ist auch wichtig, dass man Einzelunterstützung sucht. Man sucht sich noch andere BetreuerInnen, eventuell auch an einer anderen Uni, und meistens ist das eine Win-win-Situation. Man soll überzeugt auftreten, im Wissen, dass man etwas erarbeitet hat und ein guter Gesprächspartner ist.
An den meisten Universitäten gibt es psychologische Beratungsdienste, beispielsweise bei Schreibblockaden, oder wenn man sich in einer verfahrenen Situation mit dem/r ProfessorIn befindet. Gerät man in eine solche Situation mit einem/r ProfessorIn, gibt es an jeder Uni eine Ombudsstelle, die man bei gravierenden Missständen anrufen kann, z.B. wenn die wissenschaftliche Integrität nicht mehr gewährleistet ist oder wenn der Abschluss des Doktorats in Frage gestellt ist.

Bei den Doktorats-Veranstaltungen, welche an der Uni Bern stattfinden, wird auch besprochen, wie man sich nach einem Doktorat am besten bewirbt. Die meisten jungen WissenschaftlerInnen – Frauen mehr als Männer – verkaufen sich unter ihrem Wert. Sie haben die Erwartung, wenn sie bei einer Bewerbung den Doktortitel angeben, dann verstehen alle, was das heisst. Der Arbeitgeber X wisse dann schon, dass sie hochqualifiziert sind, Führungserfahrung haben, dass sie im Umgang mit verschiedenen Leuten erfahren sind, Ausdauer haben, exzellent schreiben können etc. Dem ist jedoch häufig nicht so. Man muss während der Zeit des Doktorats darauf achten, dass man die entsprechenden Erfahrungen später belegen kann, dass man beispielsweise eine Tagung selbständig organisiert hat, Lehrveranstaltungen gehalten und/oder die Selbstverwaltung des Instituts massgeblich mitgetragen hat.
Bei der Bewerbung kann die Bezeichnung „Assistent-/in“ auch irreführend sein, weil damit in der Wirtschaft häufig eine Hilfskraft gemeint ist.

Ein Doktorat ist mitnichten nur die Voraussetzung für eine akademische Karriere, sondern man kann auch doktorieren, weil einem dies in einem wissenschaftlichen oder auch nicht-wissenschaftlichen Berufsfeld (z.B. in der Bundesverwaltung) etwas bringt. In diesem Fall ist es wichtig, dass man nicht nur in der akademischen Welt lebt und arbeitet, sondern sich ergänzende Qualifikationen und Kontakte aneignet. Sonst wird der Umstieg schwieriger, da man unter Umständen nicht mehr bereit ist, ein Praktikum für den Berufseinstieg zu machen.

Wenn man eine akademische Karriere anstrebt, dann ist es sehr empfehlenswert, dass man für eine gewisse Zeit ins Ausland geht. Wenn man sich über das Doc.CH für ein Doktorat bewirbt, so ist ein Hochschulwechsel während des Studiums sogar eine Voraussetzung. Wenn man während des Doktorats weggehen möchte, dann gibt es die Doc.Mobility-Stipendien des SNF, die von den SNF- Forschungskommissionen an jeder Universität vergeben werden.

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