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Das Bodman-Literaturhaus in Gottlieben

Das Bodman Literaturhaus stellt sich vor

Text von Walter Rügert

Ein Literaturhaus ist ein Literaturhaus ist ein Literaturhaus. Gleichgültig ob in München, Zürich, Basel, Berlin oder eben: Gottlieben. Die Voraussetzungen der Literaturrezeption sind in Großstädten und auf dem Land nicht grundsätzlich verschieden. Das A und O heißt: Das Programm muss neugierig machen. Die infrastrukturellen Voraussetzungen eines Literaturhauses in der Stadt und eines auf dem Land sind dagegen sehr wohl unterschiedlich: angefangen von den Verkehrsanbindungen bis hin zu den demografischen Bedingungen. Um so erstaunlicher ist deshalb, dass das „kleine“ Literaturhaus in Gottlieben mit den städtischen Häusern durchaus mithalten kann.

Das Bodman-Literaturhaus ist ein Literaturhaus auf dem Land, ohne U-Bahn-Station vor der Haustür, aber mit einem hochwertigen Programm und einer beeindruckenden Resonanz. Mit ihm bietet die Thurgauische Bodman-Stiftung der zeitgenössischen Literatur einen einmaligen Ort für ihre Präsentation: einen Treffpunkt für Schreibende und an Literatur Interessierte, einen Ort der Begegnung und des literarischen Gesprächs, einen Ruhepol für Stipendiaten und sogar eine Werkstatt, in der das Handwerk der Buchbinderei gepflegt wird. Bei seiner Eröffnung im Jahr 2000 war das Bodmanhaus nach Basel und Zürich das dritte Literaturhaus in der Schweiz, ein – wie Iso Camartin bei der Eröffnung sagte – „Ort der Grenzüberschreiter“, was sich nicht nur auf die Arbeit der Schriftsteller bezog, sondern auch auf seine geografische Lage: Durch seine Nähe zu Konstanz hat es eine wichtige Funktion für grenzüberschreitende Begegnungen in der Bodenseeregion.

Unter dem Schwerpunktthema „Zeit für Utopien?“ suchte das Bodman-Literaturhaus in seinem Programm für das erste Halbjahr 2010 nach Spuren des utopischen Denkens in der Literatur. Das war einerseits als Bestandsaufnahme gedacht. Aber nicht nur. 2010 war auch das Jahr, in dem die Einrichtung ihr 10-jähriges Jubiläum feiern konnte. Ein Literaturhaus in einem Dorf – ist nicht auch das ein Stück gelebte Utopie? In einer Podiumsdiskussion und einer kleinen Festschrift zogen zahlreiche Autoren eine Bilanz der zehnjährigen Arbeit. Gewiss: Nichts ist so gut, als dass man es nicht noch besser machen kann. Man könnte beispielsweise die Schulen noch besser einbinden. Oder die „Jugend“ noch mehr ansprechen. Der Rückblick ließ keinen Zweifel, dass sich das Bodmanhaus in Gottlieben zu einer etablierten literarischen Institution entwickelt hat, die von Gästen aus der gesamten Region geschätzt und gerne besucht wird. Dass es seinen Platz in der literarischen Szene am See gefunden hat, dazu trägt der historische Rahmen eines altehrwürdigen Bürgerhauses seinen Teil bei, sicher aber auch das hörenswerte literarische Programm

Beides zusammen, der Rahmen wie das Programm, hat dem Bodmanhaus eine schöne Kontinuität beschert: Kontinuität in seiner Arbeit wie in seiner Resonanz. Dass dies gelingen kann, war bei seiner Eröffnung alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Dass es gelungen ist, ist auch der Kulturfreundlichkeit des Kantons zu verdanken, der das Programm von Beginn an finanziell unterstützt hat – und ihm die Treue hält.

Neben den Lesungen möchte die Thurgauische Bodman-Stiftung als Trägerin des Hauses auch die Erinnerung an seinen Namensgeber wach und lebendig halten: Historische Kontinuitäten ergeben sich nicht von selbst, sondern brauchen Engagement, Unterstützung und Pflege. Den Mittelpunkt des Hauses bildet das original erhaltene Arbeitszimmer des Dichters als Gedenkstätte. Auch seine Schriften werden in einer zeitgemäßen neuen Werkauswahl wieder einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Emanuel von Bodman hat ein umfangreiches Werk hinterlassen, das weit gefächert ist: Es reicht von Lyrik über Erzählungen, Novellen und autobiografischer Prosa bis hin zu den von ihm so hoch geschätzten Arbeiten für das Theater. In der neuen Werkauswahl sind mittlerweile sechs Bände erschienen, die das breite Oeuvre des Dichters abbilden, durch eine zeitgemäße Aufmachung zum Lesen einladen und schließlich eine Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit bilden. Das Bodman-Literaturhaus zeigt damit: Dichter leben in ihren Büchern weiter.

Kontakt

Thurgauische Bodman-Stiftung
Bodmanhaus
Am Dorfplatz 1
CH-8274 Gottlieben
T: +41 (0)71 669 34 80
sekretariat(at)bodmanhaus.ch

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