Was sind Sprach- und Literaturwissenschaften?

Sprach- und Literaturwissenschaften gliedern sich, wie es der Name schon besagt, in die zwei Teilbereiche: Sprachwissenschaften und Literaturwissenschaften, wobei letztere sich oft noch in ältere und neuere Literatur unterteilt.

Sie werden meist sprachspezifisch oder nach Sprachgruppen studiert, das können europäische oder aussereuropäische Sprachen sein: z.B. Deutsch (Germanistik oder deutsche Philologie), Englisch (Anglistik oder englische Philologie), nordische Sprachen (Nordische Philologie oder Nordistik), slavische Sprachen (Slavistik, slavische Sprachen und Literaturen). Romanische Sprach- und Literaturwissenschaft lässt sich je nach Universität übergreifend in der Romanistik (Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Rätoromanisch) oder sprachspezifisch studieren (Französistik, Hispanistik etc.). Das Studium aussereuropäischer Sprachen und Literaturen, wie z.B. Sinologie (Chinesisch), Japanologie (Japanisch), Koreanistik (Koreanisch), oder Arabisch, umfasst meist auch allgemeine soziale und kulturelle Aspekte aus aktueller oder historischer Perspektive. 
Für griechische und lateinische Sprach- und Literaturwissenschaft siehe folgenden Link (www.ch-antiquitas.ch).

Im Fokus sprach- und literaturwissenschaftlicher Forschung können aber auch sprachenübergreifende (interphilologische) Aspekte stehen. Daher können Sprach- und Literaturwissenschaften oft auch sprachenübergreifend im Rahmen der Allgemeinen Sprach- oder Allgemeinen Literaturwissenschaft oder ähnlicher Studiengänge, die interphilologisch konzipiert sind, studiert werden.

Sprachwissenschaft (Linguistik)

Sprachwissenschaft (Linguistik) begreift die menschliche Sprache als Grundlage des Denkens und Erkennens, ja als Grundbedingung der menschlichen Existenz und der Kultur schlechthin. Konsequenterweise ist Sprache an sich – in Gegenwart und Vergangenheit – Gegenstand der Sprachwissenschaft. Dazu gehören alle Formen der gesprochenen Sprache, alle Formen der geschriebenen Sprache sowie auch Gebärdensprachen.

Untersuchungsgrössen der Sprachwissenschaft sind die Bausteine der Sprache und die Regeln, nach denen aus diesen Bausteinen sinntragende Konstrukte gebildet werden; die Vermittlung von Bedeutung qua Sprache; die verschiedenen Praktiken, Gattungen und Medien der Kommunikation; die historische Herausbildung der Sprache unter Berücksichtigung kultureller, sozialer und medialer Faktoren; die Binnendifferenzierung der Sprache in Dialekte und andere Varietäten; die Wechselwirkung von Sprache und sozialen Realitäten sowie die kognitiven Grundlagen der menschlichen Sprachfähigkeit (Spracherwerb, Sprachproduktion, -rezeption).

Die Sprachwissenschaft bedient sich vielfältiger, nach Gegenstandsbereich und Fragestellung ausdifferenzierter Methoden. Dazu gehören klassisch philologische Methoden der Text- und Diskursanalyse – dieser Bereich operiert besonders nah an der Schnittstelle zur Literaturwissenschaft, wobei jedoch die Materialbasis nicht nur literarische Texte, sondern alle Text- und Diskursformen umfasst. Des Weiteren bedient sich die moderne Linguistik empirischer Methoden sozialwissenschaftlicher Prägung, dazu gehören qualitative und quantitative Erhebungen und Auswertungen sowie computerbasierte Methoden der Dokumentation und Analyse.

Literaturwissenschaft

Literaturwissenschaft beschäftigt sich mit der Literatur der jeweiligen Sprache. Sie untersucht die verschiedenen Formen literarischer Texte – Drama, Lyrik und narrative Prosa (z.B. Romane und Kurzgeschichten). Diese werden als kulturelle Produkte einer ästhetischen Auseinandersetzung mit Grundfragen der menschlichen Existenz und der gesellschaftlichen Bedingtheit menschlichen Handelns begriffen.

Ausgangspunkt der literaturwissenschaftlichen Beschäftigung bildet stets der literarische Text, der mit Bezug auf unterschiedliche Deutungskonzepte analysiert wird. Zentrale Fragen sind die ethischen und philosophischen Konflikte, die in literarischen Texten verhandelt werden. Auch die soziale Situiertheit wird aus verschiedenen theoretischen Blickwinkeln erforscht (z.B. aus feministischer, psychoanalytischer oder marxistischer Sichtweise).

Literaturtheoretische Positionen erlauben einen reflektierten methodischen Zugang zur Textanalyse. Sie können je nach forschungsgeschichtlicher Tradition und Fragestellung unterschiedliche Perspektiven einnehmen:

(1) die Textperspektive, indem beispielsweise nach ästhetischen, stilistischen, rhetorischen, gattungstypischen oder intertextuellen Qualitäten des literarischen Textes gefragt wird;

(2) die Autorperspektive, indem nach dem Verhältnis von Autor und Werk gefragt wird;

(3) die Leserperspektive, indem nach individuellen und kollektiven literarischen Leseerfahrungen und Bedeutungskonstruktionen gefragt wird;

(4) die Kontextperspektive, indem nach der historischen Situiertheit des Textes, seiner Produktion und Rezeption sowie seiner Medialität gefragt wird.

In der Literaturwissenschaft europäischer Sprachen wird meist zwischen älterer und neuerer Literatur unterschieden, wobei die Grenzen in etwa zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert angesetzt wird. Ältere Literaturwissenschaft wird oft auch als Mediävistik bezeichnet, so dass die Schnittstelle zur historischen Sprachwissenschaft verdeutlicht wird.

Die Auseinandersetzung mit Texten aus früheren Epochen stellt eine "Übersetzungsleistung" in zweifacher Hinsicht dar: Einerseits bedingt sie Kenntnisse älterer Sprachstufen der entsprechenden Sprachkultur (z.B. Old English, Middle English oder Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch), die jeweils im Studium gesondert vermittelt werden. Andererseits beruht die Erforschung älterer literarischer Texte verstärkt auf einer fundierten Auseinandersetzung mit den kulturellen, sozialen und mediengeschichtlichen Kontexten der Epoche, aus der sie stammen, und die als Grundbedingung der literarischen Produktion in die Erforschung ihrer literarisch-ästhetischen Produkte miteinbezogen werden müssen, um die Fremdheit der älteren Texte sicht- und verstehbar zu machen.

Die Einbettung der literarischen Texte bedingt, je nach geographischem Raum und historischer Epoche, auch die Berücksichtigung anderer Medien. Die Literatur der Renaissance beispielsweise kann in Bezug gesetzt werden zur bildnerischen Kunst – seien es Gemälde, Illustrationen in Buchausgaben oder antike Skulpturen. Ein weiteres Beispiel wäre die Wichtigkeit von Medien wie Fotografie, Radio und Film oder Textformen, die sich von Online-Genres inspirieren lassen.

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